Kritische Gedanken eines Jury-Mitglieds des Contests der International Society of Professional Wedding Photographers ISPWP

Nun, dieser Artikel richtet sich nicht in erster Linie an Brautpaare, sondern an Hochzeitsfotografen. Immerhin ist mein Blog auch kein Hochzeits-Blog, sondern ein Hochzeitsfotografie-Blog.

Hinter mir liegen einige anstrengende Tage. Ich hatte 4157 Hochzeitsfotos in 20 Kategorien zu bewerten. Dabei hätte ich vorher nicht gedacht wie mühsam das ist, wenn man die Aufgabe nicht auf die leichte Schulter nimmt, und welches Durchhaltevermögen erforderlich ist.

Die International Society Of Professional Wedding Photographers ISPWP hatte mich ausgewählt, die zum Contest Spring 2014 von Profi-Hochzeitsfotografen aus aller Welt eingesandten Bilder zu beurteilen.  Eine Vorbemerkung: Die ISPWP ist eine der renommiertesten Hochzeitsfotografen-Vereinigungen weltweit. Die Aufnahmekriterien sind streng. Die ISPWP erhebt den Anspruch, die besten Hochzeitsfotografen der Welt zu repräsentieren. Als Mitglied der Kommission, die über die Neuaufnahme von Mitgliedern mitentscheidet, erlebe ich immer wieder, dass (in meinen Augen) hervorragende Kandidaten in dem zweistufigen Aufnahmeverfahren abgelehnt werden. Entsprechend hoch sind meine Erwartungen an die Qualität der von den Mitgliedern zum Contest eingesandten Fotos. Und so müssen meine kritischen Bemerkungen zum Contest auch gesehen werden: Ich lege strenge Maßstäbe und höchste Ansprüche bei der Sicht auf die Bilder an und das Folgende ist Kritik auf oberstem Niveau.

Eine Sammlung von Hochzeitsbildern wie sie bei einem solchen Wettbewerb vorliegen, bei dem Profis die Bilder einreichen, die sie für ihre gelungensten halten, stellt eine hervorragende Quelle der Inspiration dar. Wo sonst bekommt man eine solche komprimierte Zusammenstellung – sogar noch nach Themen geordnet – präsentiert? Ich habe in der Hochzeitsfotografie durch nichts intensiver gelernt als durch die Auseinandersetzung mit den Werken erstklassiger Hochzeitsfotografen. Als Jury-Mitglied hat man dazu noch den Vorteil, dass man nicht nur die veröffentlichten, prämierten Fotos zu Gesicht bekommt, sondern das ganze Spektrum. Und ich habe viele Bilder gesehen, die mich berühren und begeistern. Bilder, bei denen mir die Kinnlade runterfällt und offen stehen bleibt.

Meine Gedanken in Stichpunkten:

– Insgesamt scheint mir die Qualität der beim Contest 2014 eingereichten Bilder etwas geringer zu sein als bei vorausgehenden Wettbewerben der ISPWP. Ich vermute, das ist darauf zurück zu führen, dass die meisten Hochzeitsfotografen ihre besten Bilder aus dem Jahr 2013 schon bei vorherigen Wettbewerben eingereicht haben und in der Zeit zwischen Weihnachten und April nicht viel gutes Neues dazu gekommen ist.

– Die Kategorien „Getting Ready“ und „Bride and Groom Portrait“ sind das liebste Kind der Hochzeitsfotografen in aller Welt. In diesen beiden Kategorien wurden eindeutig die herausragendsten und beeindruckendsten Fotos eingereicht. Wobei man – nebenbei bemerkt – als Jurymitglied die Bilder bald nicht mehr sehen kann, die aussehen als wären sie von Ben Chrisman gemacht.

– Wirklich kreative und extrem aufwändige Bilder findet man auch in der Kategorie „Engagement-Portrait“. Vermutlich erlauben sich Hochzeitsfotografen bei Engagement-Fotos mehr Freiräume und entwickeln mehr Kreativität als bei den Portraits am Hochzeitstag, die manchmal unter Zeitdruck entstehen.

– Qualitativ verbesserungsfähig scheinen mir die Fotos in folgenden Kategorien:

1) „The First Dance“ – Ich führe das darauf zurück, dass Hochzeitsfotografen am Ende eines anstrengenden Tages einfach nur noch die Sache ordentlich zu Ende bringen wollen. Nach stundenlanger Konzentration auf den entscheidenden Moment sind wir oft einfach ausgepowert. Eindeutig im Vorteil sind diejenigen Studios, die für die Abendveranstaltung ein zweites Fotografenteam ins Rennen schicken können.

2) „Family Love“ – Um in dieser Kategorie zu punkten genügt es einfach nicht, ein Bild zu zeigen, auf dem die Tante die Braut umarmt, auch wenn es noch so herzlich ist. Zur fotografischen Umsetzung dieses Themas bedarf es mehr. Familiäre Beziehungen können so vielfältig sein und mit diesen Bildern könnte man richtige Geschichten erzählen.

3) „Humor“ – Dabei ist es wirklich schwierig zwischen Humor und aufgesetztem Klamauk zu unterscheiden. Echter Humor ist immer unfreiwillig.

4) „Movement and Motion“ – stellt allerhöchste Ansprüche nicht nur an den souveränen Umgang mit der Bildgestaltung, sondern auch an die technische Perfektion der Umsetzung von Bewegungsunschärfe oder eingefrorener Bewegung. Da gibt es noch Entwicklungspotential bei den Hochzeitsfotografen.

5) „The Wedding Dress“ – Bei den Aufnahmen vom Wedding Dress sieht man immer wieder das Brautkleid ins Fenster oder in einen Flur gehängt.  Ein bisschen mehr Kreativität wäre da schon gefragt.

6) „Pure Art“ –  In dieser Kategorie erwartete ich die kreativsten und außergewöhnlichsten Hochzeitsbilder. Manchmal wird gerade diese Kategorie als Sammelbecken für Fotos benutzt, die man bei keiner anderen unterbringen konnte.

Liebe Kollegen, ihr könnt gespannt auf die Ergebnisse sein, die voraussichtlich Anfang Mai veröffentlicht werden. Ihr werdet Bilder sehen, die euch die Sprache verschlagen, und andere, die euch belanglos erscheinen. Wir wissen es alle: Eine Auswahl ist immer subjektiv. Durch das Urteil von vier Juroren werden die Endergebnisse etwas breiter gestreut und vielleicht auch etwas ausgeglichener. Ich bin auf jeden Fall gespannt, welche Bilder die drei weiteren Juroren als preiswürdig eingestuft haben.

Zum Schluss: Ich habe meine Listen bereits abgegeben. Beeinflussungen in irgendeine Richtung sind also zwecklos. 🙂

Sicherlich werden Kollegen meine Meinung in einigen Punkten nicht teilen können, freue mich aber über Kommentare.

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Marcel Schneeberg - 28. April 2014 - 17:41

Lieber Johannes, erstmal vorweg, toller Beitrag und auch sehr anschaulich geschrieben! Und nun kommt das ABER… Ich bin selbst Hochzeitsfotograf und denke, dass nichts subjektiver sein kann als die Meinung über ein Bild! Was ist denn das BESTE oder der/die Beste? Kann man das so einfach fest machen? Was hälst du von Andreas Gurskys „Rhein II“? Es ist das teuerste Foto, aber auch das beste? Ich schaue mir ja auch gern Fotografien von anderen Fotografen an und bilde mir meine Meinung darüber, aber darüber zu urteilen ob es „gut“ oder „schlecht“ ist, möchte ich mir nicht anmaßen… Was du gut findest, finden andere mit Sicherheit weniger gut und umgekehrt. Meine Meinung über solche Contests fällt da weniger euphorisch aus. Die Fotografen die gewinnen, können auf einmal über Wasser gehen und die, die verlieren, verkaufen gleich morgen ihre Kamera… (ich konnte schon über Wasser gehen und hätte schon fast meine Kamera verkauft #Erfahrungswert, deshalb weniger euphorisch) Ein Bild ist wie Essen, dem Einen schmeckts, dem Anderen nicht. Sei es drum, jeder Topf findet seinen Deckel und jedes Brautpaar seinen Bildermacher. Geschmack ist nicht teilbar ebenso wenig käuflich… Ich wünsche jedem teilnehmenden Fotografen genug Selbstbewusstsein hinter seinem Bild zu stehen und es auch ohne Platzierung gut zu finden! In diesem Sinne, Euch ne tolle Saison und natürlich glückliche Brautpaare! Denn letztlich beurteilen Sie was für Sie „gut“ oder „weniger gut“ ist 😉

fennomenal - 28. April 2014 - 17:55

Marcel, du hast absolut recht, was die Subjektivität der Beurteilung eines Bildes angeht. Natürlich gibt es auch einige objektive Kriterien
z.B. sind manche Bilder schlicht miserabel bearbeitet
oder Bilder sind eindeutige Kopien bekannter Fotos usw.
aber auf der Ebene, auf der hier bewertet wird, spielt das subjektive Empfinden eine große Rolle.
Und es gefällt mir, dass du die Kollegen ermunterst, hinter ihren Bildern zu stehen.

wilf - 28. April 2014 - 18:09

herausfordernde Tipps, Herr Juror =). Man muss sich eben immer wieder neu pushen und erfinden, um nicht nur Pflicht, sondern Kür zu liefern.

Alex - 12. Februar 2016 - 22:17

Hallo Johannes
Vielen Dank für Deinen Einblick (auch wenn Dein Blogeintrag mittlerweile etwas älter ist). Ich habe beim aktuellen ISPWP Contest die Ehre Juror zu sein. Das was Du geschrieben hast, kann ich bislang so bestätigen (mit der Bewertung bin ich aber aktuell noch nicht durch). Getting Ready extrem viele Bilder! Beim First Dance hat es aktuell wirklich sensationelle aber auch wirklich unspektakuläre Fotografien!

Die Arbeit ist – wie Du richtig geschrieben hast – auf keinen Fall zu unterschätzen! Aber ich finde die Tätigkeit sehr spannend, gibt sie doch gute Einblicke in die Arbeiten anderer „weltweit“ besten Hochzeitsfotografen!

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